@Christian
Völlig zu Recht wird nach den Leuten gefragt, die diesen Thread eröffnet haben. Sie sind derzeit werktags voll in die Hochschullehre eingespannt. Da bleibt nicht viel Zeit für Online-Aktivitäten. Ich sehe aber, dass unsere intensivere Beteiligung sehr wichtig ist.
Ganz kurz zu der - übrigens immer wieder als Warnung kommunizierten - Aussage: "Ihr habt doch wohl nicht die Studis zum öffentlichen Bloggen verpflichtet?" Doch haben wir! Aber nur ungefähr drei Tage lang. Dann meldete sich der erste Student und verwies auf sein Grundrecht zur informationellen Selbstbestimmung. Daran schloss sich eine mehrwöchige Diskussion der gesamten Matrikel einschließlich aller dabei vorkommenden Fraktionsbildungen, Ausgrenzungen etc. an. Wir Dozenten waren recht schnell gezwungen, die kritischen Stimmen in Schutz zu nehmen und dafür zu sorgen, dass diese Studis aufgrund ihrer Meinung nicht als Menschen schlecht gemacht wurden. Neben den argumentativen Kompetenzen auf inhaltlicher Ebene haben die Studierenden so auch ihre Online-Diskussionskultur entwickelt. (Telepräsenz muss erst gelernt werden. Das ist bisweilen ganz schön mühsam und nicht selten in wenig verletzend.)
Im Ergebnis der Diskussion konnte dann jeder Student für sich selbst auf einem vergleichsweise kompetenten Niveau bestimmen, ob er fortan einen geschlossenen Blog führen möchte. Der derzeitige Stand ist also folgender:
- Die Studis müssen ein E-Portfolio und darin insbesondere ein Weblog führen.
- Die Studierenden sollen ihr E-Portfolio öffentlich führen, können es aber auch geschlossen halten, d.h. mit Passwort-Schutz versehen, sodass nur die Dozenten und ein selbst bestimmter Personenkreis Zugang zu den Inhalten haben.
- Die Studierenden werden mit den möglichen Konsequenzen eines öffentlich geführten E-Portfolios konfrontiert und zu einem Diskurs über die Regeln des E-Portfolio-Führens angeregt (Selbstregulierung statt externer Regulierung)
- Den Studis erwächst aus dem Führen eines geschlossenen Blogs kein Nachteil in der Bewertung.
Der dritte Punkt bedarf noch einer Erklärung. Indirekt fließt das Führen eines geschlossenen E-Portfolios doch noch in die Note ein. Es zeigte sich, dass Beiträge auf geschlossenen Blogs in der Tendenz weniger reichhaltig waren als die auf öffentlichen Blogs. Die stärkere Auseinandersetzung mit den öffentlichen Beiträgen führt zu intensiverer und bewussterer Reflexion. Nur exzellente Studierende sind in der Lage auch in einem geschlossenen Blog ein vergleichbares inhaltliches Niveau zu erreichen. Alle andere profitieren eher vom öffentlichen Diskurs.
Aus meiner Sicht haben wir hier in Ilmenau damit einen für Hochschulen gangbaren Weg gefunden. Man kann das Bloggen verpflichtend machen, wenn man
- das öffentliche Bloggen nicht zur Pflicht erhebt,
- mit der Entscheidung für den (öffentlichen) Blog-Einsatz auch die Verpflichtung übernimmt, umfassend über die möglichen Konsequenzen aufzuklären.
Zum ersten Anstrich: Auch wenn wir die Studierenden nicht zwingen, ihre E-Portfolios öffentlich zu führen, so halten wir sie dennoch dazu an. Gerade in KMW-Studiengängen muss man diese neuen Kommunikationswerkzeuge perfekt beherrschen. Dazu muss man m.E. in der Tendenz auf das schützende Dach des Gewächshauses verzichten.
Zum zweiten Anstrich: Ja, man muss sich den neuen Dingen stellen, jedoch nicht, indem man all die vielen "Abers" vorbringt, sondern sich eher mit dem "Wie" auseinander setzt. Der notorische Optimismus der Web 2.0 Befürworter ist nach meiner Erfahrung da eher kontraproduktiv, weil er die zahlreichen Fallstricke mit rosarotem "alles wird gut"-Zucker verdeckt. Wir hatten uns nicht ausreichend im Vorfeld gefragt, ob wir auch alles Wesentliche bedacht haben. Zu sehr waren wir damit beschäftigt, uns für das innovative Lehr-/ Lernkonzept toll zu finden. Insofern finde ich es gut, dass in diesem Thread auch eine kritische Position vertreten wird. Eigentlich bräuchten wir noch weitere kritische Positionen.
Die in diesem Thread zu lesenden kritische Auffassungen über den Einsatz von Online-Werkzeugen im Lehr-/Lernprozess begreife ich nicht als grundsätzliche Kritik dieses Ansatzes. Insofern brauchen wir uns eigentlich auch nicht zu rechtfertigen, weshalb wir öffentliches oder nicht-öffentliches Bloggen gut und sinnvoll finden. Vielmehr müssen wir die "Wenn..., dann.." Aspekte thematisieren: "Wenn die Blogs öffentlich geführt werden sollen, dann musst Du auch auf ... achten."
Ganz kurz zu der Frage, ob wir mit schulischem Bloggen nicht eher zur Vermüllung des Web beitragen: In unserem mittlerweile über zwei Jahre laufenden Blog-Einsatz zeigte sich, dass die über die Blogs kommunizierten auf das Lernen bezogenen Inhalte eine Teilöffentlichkeit erzeugen. Das war zu erwarten. Der Mehrwert besteht aber darin, dass punktuell auch die "Außenwelt" zum Diskurs beiträgt. In einem geschlossenen Szenario wäre das nicht möglich. Wir profitieren also von der Möglichkeit der (Welt-) Öffentlichkeit.
Hier noch meine Meinung zum (unbewussten) Preisgeben von Fehlern und daraus u.U. folgenden schlechteren Berufsaussichten. Wir haben am Educamp-Wochenende immer wieder von einer neuen Fehlerkultur gesprochen: Fehler für sich genommen sind nicht schlecht. Schlecht ist nur, wenn man sich mit ihnen nicht auseinandersetzt. Ein öffentlich geführtes E-Portfolio muss also gerade die Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern thematisieren, und zwar so, dass sich der Personaler später nicht einfach selektiv betätigen kann: Die Reflexion des eigenen Tuns muss in das gesamte E-Portfolio förmlich eingewoben sein. Schüler und Studenten dahingehend anzuleiten, zählt aus meiner Sicht ebenfalls zu den Aufgaben der Dozenten und Lehrer.
Abschließend noch eine Anregung zur Ausdifferenzierung der Diskussion in diesem Thread. Die Konsequenzen eines (verpflichtenden) Blog-Einsatzes in der Hochschule sind nicht zu unterschätzen, aber noch gut beherrschbar. Viel schwieriger sieht es da an Schulen aus, weil eben die Eltern mitbestimmen müssen, was ihre Kinder von sich preisgeben dürfen. Welche zusätzlichen Punkte müssen deshalb bei der Planung des Blog-Einsatzes im Unterricht bedacht werden? Welche vom Uni-Einsatz abweichenden Wege müssen beschritten werden und warum?
am 27.04.2009 von Gunther Kreuzberger bearbeitet.