Hallo zusammen,
in den letzten Jahren werden immer mehr Stimmen laut, die die Ökonomisierung des deutschen Bildungssystems kritisch hinterfragen. Kritisiert wird etwa das vorherrschende Marktparadigma in der Bildung, sodass auch Bildungseinrichtungen vermehrt wie Unternehmen geführt und Bildungsinhalte nach ihrer (arbeits- und berufsmarktlichen) Verwertbarkeit ausgewählt werden (z.B. Keupp, 2007; Münch, 2009a). Münch (2009b) sieht in dieser „Vermarktlichung“ bereits die Verarmung des Wissens:
„Die globale Hegemonie des Marktparadigmas in allen Funktionsbereichen der Gesellschaft im Zuge der Umwandlung von Organisationen mit ganz unterschiedlichen Aufgaben in Unternehmen ist ein Beweis dafür, wie weit die Verarmung des Wissens in den Gesellschaftswissenschaften schon fortgeschritten ist.“ (ebd, S. 16)
Nimmt man noch die Perspektive Bieris (2005) hinzu, der Bildung als etwas versteht, „[...] das Menschen mit sich und für sich machen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bilden kann sich jeder nur selbst“ (S. 1), muss man die aktuellen Ökonomisierungstendenzen in der Bildung in der Tat beäugen. Dies gilt insbesondere, wenn sie aufgrund ihrer kompensatorischen Wirkung zunächst als gewinnbringend empfunden werden. Dies ist etwa beim Bildungssponsoring der Fall: Im Bildungsbereich wird heutzutage nur selten hinterfragt, welche Motive dahinter stehen, wenn Computer für den Bildungsbereich von Computerfirmen gestiftet werden, wenn Geld fließt, um Lehrstühle zu finanzieren, oder wenn Seminare in Kooperation mit Unternehmen durchgeführt und Lernergebnisse „produziert“ werden.
Es stellen sich insofern folgende Fragen (im Marktbild gedacht):
- Was ist das Kerngeschäft der Universität?
- Wie kann die Universität ihre Autonomie bewahren?
- Wie schützt die Universität ihre Studierenden vor Vereinahmung?
Ich würde gern eine Session auf der Pre-Conference der GMW’10 dazu nutzen, um eine differenzierte Position zum anhaltenden Trend des Bildungssponsorings zu entwickeln und mögliche Lösungsansätze für bestehende Dilemmata (Universität als Ausbildungsstätte, Ressourcenmangel in der Bildung etc.) zu entwerfen, und freue mich auf Euch als Mitdenker!
Viele Grüße,
Sandra
PS: Wer in Vorbereitung noch etwas Zeit übrig hat, kann sich gern in die kritische Position vertiefen; die oben angeführten Quellen sind einen Blick in jedem Fall wert:
- Bieri, P. (2005). Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede. Bern: Pädagogische Hochschule Bern. Online verfügbar unter: http://www.hwr-berlin.de/fileadmin/downloads_internet/publikationen/Birie_Gebildet_sein.pdf [30.08.2010].
- Keupp, H. (2007). Unternehmen Universität. Vom Elfenbeinturm zum Eventmarketing. Blätter für deutsche und internationale Politik. 2007(10), 1189–1198. Online verfügbar unter: http://www.tu-braunschweig.de/Medien-DB/personalrat/artikelkeupp1.pdf [30.08.2010].
- Münch, R. (2009a). Globale Eliten, lokale Autoritäten. Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt: Suhrkamp.
- Münch, R. (2009b). Unternehmen Universität. Aus Politik und Zeitgeschichte. 45, 10–16. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/files/5ADKTP.pdf [30.08.2010].

